PREMIERE: 14. Mai 2016

Iwanow

frei nach „Anton Tschechow“

Es spielten: Isabell Schulz, Mathias Neuber, Malika Kaiser, Anita Brokmeier, Tim Wildner, Marion Djeghri, Kim White, Marie-Luise Böhm-Wagner, Steffen Aicheler, Torsten Strauß, Barbara Wiltschek

Regie: Mathias Neuber

Kritiken

 Ramona Göök, 04. Juni 2016

Eine Beschäftigung mit „Iwanow“ stellt wegen des sich nur schwer erschließenden Charakters der Hauptfigur eine gewisse Herausforderung dar.
Tschechow schwebte wohl eine Art russischer Durchschnittscharakter vor (Iwanow ist im Russischen so häufig wie im Deutschen Schmidt, Schulze, Meier). Dieser Jammerlappen (wie er sich selber nennt) richtet seine Frau zugrunde, gleichzeitig wird seine frühere Großzügigkeit gelobt, die dazu geführt hat, dass er inzwischen mittellos dasteht. Und an den gaunerhaften Geldgeschäften seiner Umgebung kann er sich nicht beteiligen, obwohl alle das Gegenteil behaupten.
Die Inszenierung trägt dem tschechowschen Kolorit – bei aller Aktualität (die dubiosen Geschäfte werden
wie an der Börse abgewickelt) – durchaus Rechnung (unter anderem mit einem den russischen Birkenwald
zitierenden Bühnenbild). Für eine plausible Sicht auf die Hauptfigur räumt das nicht alle Hindernisse aus dem Wege. Ist die Entscheidung, die Hauptfigur mit einer Frau zu besetzen (die Rolle ausfüllend: Isabelle Schulz) wirklich notwendig gewesen? Zumindest am Anfang kann man das nicht vollständig nachvollziehen. Wenn dann der tote Iwanow am Schluss mit offenen Haaren daliegt, kann man auf den Gedanken kommen, dass hier jemand gezwungen war, vor sich selber eine falsche Rolle zu spielen Die andere Entscheidung, die Figur des Gutsverwalters
Borkin durch einen Chor zu ersetzen, leuchtet sofort ein: Dieser Chor gibt, mit seinen pausenlosen Einladungen zu unsauberen Geschäften, die Gedanken Iwanows wieder, denen er, um sich aus seinen Geldnöten befreien, immer wieder folgen will – aber nicht kann. Das ist sauber gearbeitet, diese Chöre zu hören und zu sehen ist ein Genuss. Wie man überhaupt sagen muss, dass dem Regisseur (Mathias Neuber) ein Ensemble zu Verfügung steht, dass allen Figuren eine unverwechselbare Präsenz zu verleihen vermag. (Herauszuheben aus einem durchweg starken Ensemble ist Kim White als Sinaida Sawischna – wie sie die Figur trotz Rücksichtslosigkeit und Kälte zu verteidigen vermag, ist sehenswert). Schließlich tritt hinter dem kurzweiligen, und durchaus komischen Geschehen, die Absicht der Inszenierung zutage: Als zum Schluss, nach dem Tod seiner Frau, die Wiederverheiratung Iwanows alle, einschließlich Braut und Bräutigam, hinter vorgehaltener Hand ablehnen – und dennoch nach außen vor den anderen, daran festhalten. Niemand scheint da bemerken zu wollen (oder zu können), wie sie alle das falsche Stück spielen. Bis auf einen. Der Clown Schabelskij (Tim Wildner) verlässt – mit den Worten: Man müsse endlich mal lernen die Rollen hinzuschmeißen: die im Leben und die im Theater – die Bühne und lässt sich während des Schlussapplauses auch vom Regisseur nur mit Widerstand wieder hereinholen. Wenn das inszeniert war, war es gut inszeniert.

PREMIERE: 17. Oktober 2014

The Cone of Babel

Es spielten: Phillip Eisnecker, Tim Wildner, Philine Köln, Isabelle Schulz, Mirja Gabathuler, Kathrin Goosses, Anton Marintsev, Lena Berenberg-Gossler, Yasmin Zakouri, Nurgül Dursun, Mischo Kopac

Text & Regie: Mathias Neuber

Musik: Szymon Kasprzyk
Bühnenbild: Anna Armann, Nurgül Dursun
Kostüme: Philine Köln

Kritiken

BLICKLICHT, Stadtmagazin Cottbus, Jens Pittasch

Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“, meinte Galileo Galilei – ob bewusst oder nicht, was Mathias Neuber mit seiner Theaterarbeit macht, leistet genau das.
Man spürt in Spiel und Ausdruck dieser elf Jugendlichen, dass sie nicht nur die Figuren und die Handlung für sich entdeckt haben – sondern offenbar auch Neues an sich und in sich selbst. Teils scheint es, dass sie selbst staunen, was sie tun und was sie können, wenn sie in der Rolle sind. Das Intergogue Theater ist Mathias Neubers Berliner Theater. Bereits im Sommer 2013 war die Gruppe in Cottbus zu Gast und zeigte mit „Spielfeld Marie“ eine
hochenergetische Woyzeck-Variante aus etwas anderer Sicht.
„The Cone of Babel“ bringt eine neue Sicht auf einen historischen Ort – und auf den immerwährenden Konflikt, der jedem Handeln inne wohnt. „Cone“ ist der Trichter. Ein Trichter soll dort entstehen, wo Menschen einst einen Turm zum Himmel bauen wollten. Sie kamen Gott zu nah, so dass der ihre Sprachen verwirrte, was die Weiterführung des Baus verhinderte. Während der Turm eher dem Selbstzweck diente, zu zeigen, wozu wir ganz ohne Götter fähig seien, soll es beim gigantischen Loch um Gutes gehen. Um die Gewinnung von so viel Wasser, um die gesamte Wüste grün und zur Heimat vieler Menschen werden zu lassen.

Wir wollen den Ozean, der trinkbar ist.
Und ja: Für alle.
Und sehen aus dem See
Groß wie der Ozean
Gewaltig
Stahlarme sich erheben
Von denen
In sich tragend Wasser
Seitenträger führen, die
Hunderte Meter in die Wüste
Weit hinaus
Wannen halten:
Felder, Fußballfelder, Waldungen und Wiesen
Dazwischen
Vor Behausungen am Rand von Gärten
Treiben Fellachen, treiben wir, Menschen
In einem milden Klima
Feldbau
Und schauen auf in einen Regen, der
Aus Wolken, die die Felder still umkreisen
Stiller niedergeht.

Nur ist auch dieser Plan bald vom Größenwahn gezeichnet – und gerät aus den Fugen. Das Ganze eskaliert, als die voll Idealen und Edelmut aufgebrochenen Helfer durch politische Wirren selbst vom Wasser abgeschnitten werden und sich als Verbündete ausgerechnet die anbieten, die mit dem Wasser weltweit Geschäfte machen. W er hält stand? Wer schließt scheinbar notwendige Kompromisse? Welches Handeln hat welchen Preis? Werden aus Idealen erst pragmatische Lösungen, und wie schnell werden daraus Kälte, Vorteilsnahme und Unmenschlichkeit?
Mathias Neuber schrieb und inszenierte am großen Beispiel ein Stück Wirklichkeit, das uns im Kleinen täglich begegnen kann und uns täglich die Frage nach unseren Motiven stellt. Dies allerdings ist den Meisten eher selten bewusst – abgelenkt von allerlei „Wichtigerem“, von dem uns reichlich bereit gehalten wird. Von wem? Nun – das kann bereits Stoff für das nächste Stück sein. In diesem hier entlassen uns Darsteller und Macher beeindruckt und mit der Aufgabe, uns und unser Handeln zu hinterfragen.

PREMIERE: 20. April 2013

SPIELFELD MARIE

frei nach „Woyzeck“ von Georg Büchner

Es spielten: Isabelle Schulz, Tim Wildner, Philipp Eisnecker, Katerina Brandes, Lena Neuber, Alesja Petrusenko, Anna Clart, Benjamin Jurgsaz, Pinar Kaba, Johannes Dallendörfer, Lena Berenberg-Gossler, Philine Köln

Regie: Mathias Neuber

Kritiken

Spandauer Volksblatt, Christian Schindler, 23.04.2013

Nach Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz 2012 widmet sich die Jugendtheaterwerkstatt Spandau 2013 Georg Büchner. Am 20. April hatte „Spielfeld Marie“ Premiere.
Wer bei dem Titel stutzt, hat Recht. Gemeint ist mit „Spielfeld Marie“ der „Woyzeck“, das Drama um jenen real existierenden Menschen, der seine Geliebte 1821 erstochen hatte und deswegen 1824 in Leipzig hingerichtet wurde. Allerdings hat der im Alter von 23 Jahren gestorbene Georg Büchner „Woyzeck“ als lose Szenenfolge hinterlassen, die unterschiedlich kombiniert werden kann. Eine „richtige“ Woyzeck-Inszenierung ist dann am 4. und 5. Mai in der Jugendtheaterwerkstatt zu sehen.
Die Freiheit der Szenenfolge hat Regisseur Mathias Neuber in der Jugendtheaterwerkstatt Spandau erheblich erweitert. Mit den Arzt-Szenen hat er einen wesentlichen Teil gestrichen und völlig Neues hinzugefügt. Zwölf Schauspieler geraten in immer wieder wechselnden Besetzungen als Woyzeck, Marie und Tambourmajor aneinander und werden dabei auch zu Figuren unserer Zeit. Beziehungen entstehen in Diskotheken, und ein Paar streitet auf einer Vernissage.
Dabei untersuchen die Künstler nicht nur die Mann-Frau-Verhältnisse, sondern stellen sie in die ganz großen Zusammenhänge. Auf einem Gerüst auf der Bühne sind Bilder vom Vietnamkrieg zu sehen und von den explodierenden Zwillingstürmen in New York. Was macht eine Frau und einen Mann aus, wenn sie gemäß der Ideologien ihrer Gesellschaften leben und eingebunden sind in eine globale Wirtschaft?
Die nicht immer eindeutigen Antworten auf diese Fragen kommen in der Inszenierung nicht theoretisch daher, sondern sehr handfest in der Auseinandersetzung zwischen Personen. Die Schauspieler, zum Teil Studierende des theaterwissenschaftlichen Instituts der Freien Universität Berlin, zeigen dabei beachtliche Darstellungsfähigkeiten und hohe Professionalität. Das bedeutet für das Publikum Spannung und oft auch Amüsement über Eifersucht und Partneransprüche. Es ist dann auch nicht ganz so erschreckend, dass ein Thema sich durch die gesamten 70 Theaterminuten zieht: eine Partnerschaft kann auch tödlich enden.

BLICKLICHT, Stadtmagazin Cottbus, Christiane Freitag

Den Woyzeck-Stoff mal ganz anders aufbereitet, das hat Matthias Neubert, künstlerischer Leiter der BÜHNE acht diesmal nicht mit BÜHNE acht eigenem Ensemble, sondern mit zwölf Studierenden nicht nur des Theaterwissenschaftlichen Instituts der FU Berlin
– dem GOGUE THEATER FREIRAUM. Dabei entstanden ist „Spielfeld Marie“. Wie der Name bereits vermuten lässt, haben sie sehr wohl im doppelten Sinne mit dem Woyzeck-Stoff gespielt. Sie bewegen sich durch Schneisen des überlieferten Textes, brechen aus, improvisieren, rebellieren und vibrieren im Schmerz derer, die dabei sind sich zu verlieren – so steht es in der Stückankündigung beschrieben und treffender kann ich es eigentlich auch nicht sagen. Das gesamte Ensemble übernimmt im Verlauf die verschiedenen Figuren im Wechsel oder auch mal parallel, und so wird die Geschichte des Gejagten Woyzeck zu einem Spiel multipler Personen. Woyzeck, der sich, um für Freundin Marie und ihr uneheliches Kind zu sorgen, zusätzlich zu seinem Ausbeutungsjob als Bursche des Hauptmanns, als Versuchskaninchen und für einen im wahrsten Sinne Hungerlohn von einem skrupellosen Arzt auf Erbsendiät setzen lässt und von selbigern böse behandelt wird. Darauf psychisch und physisch immer labiler schließlich seine Freundin Marie umbringt, schließlich betrüge sie ihn mit dem Tambourmajor. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Art von Inszenierungen, in denen, salopp gesagt, alle mal alles spielen, schnell ihren roten Faden verlieren, das Eigentliche aus den Augen verloren wird und einen schier ratlosen Zuschauer zurück lässt. Nicht so hier! Den einen gelingt es zwar besser als den anderen sich in ihre jeweilige Rolle zu finden, dennoch wird das eigentliche Drama, werden die wesentlichen Konflikte überzeugend und authentisch herausgestellt. So ist Spielfeld Marie ein energiegeladenes, interessantes Stück, durchaus Büchners Woyzeck würdigt und ihm mehr als gerecht. Woyzeck mal ganz anders, hat funktioniert.